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SPECIAL zum "Münchner Abkommen"

Was bedeutet das Münchner Abkommen heute noch? Wie sehen die Tschechen heute dieses Thema? Ist da noch Groll? Gibt es Handlungskonsequenzen für die heutige Politik aus den historischen Erfahrungen 1938/1939? Auszüge aus der Presse und der Mediendiskussion

Senden Sie uns Ihre Statements, Meinungen, Beiträge zu diesem Thema!

1. Kurze Zusammenfassung der Ereignisse

2. Militärische Situation 1938

3. Aktuelle Diskussionen zum Thema "Münchner Abkommen" in Tschechien

Kurze Zusammenfassung der Ereignisse:

Das Münchner Abkommen wurde in der Nacht zum 30. September 1938 von den Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und des Deutschen Reiches unterzeichnet, die zur Lösung der Sudetenkrise zur Münchner Konferenz (29. September) im Münchner Führerbau am Königsplatz zusammengekommen waren. Vertreter der Tschechoslowakei waren nicht eingeladen. (WIKIPEDIA)

Unter Vermittlung des italienischen Diktators Benito Mussolini, den Hermann Göring eingeschaltet hatte, gaben der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier mit dem Abkommen dem Diktator Adolf Hitler ihre Zustimmung zum Anschluss des Sudetenlandes, dessen Bevölkerung überwiegend deutschsprachig war. (WIKIPEDIA)

Die Vertreter der Tschechoslowakei, die nicht an der Konferenz teilnehmen durften – allen voran der damalige Staatspräsident Edvard Beneš – fühlten sich von den Schutzmächten verraten. Deswegen wurde das Abkommen von der tschechischen Bevölkerung als „Münchner Verrat“ bezeichnet oder pointiert „Über uns, ohne uns.“ (WIKIPEDIA)

Obwohl im Abkommen nicht vereinbart, bedeutete das Münchner Abkommen faktisch das Ende der 1918 entstandenen multinationalen Tschechoslowakei, da auch andere Volksgruppen beziehungsweise Nachbarstaaten wie Polen und Ungarn die Gunst der Stunde zu Besetzungen nutzten. (WIKIPEDIA)

Für die weiteren Kriegspläne des nationalsozialistischen Deutschland ergaben sich durch das Abkommen eine Reihe von Vorteilen (nach Winston Churchill: Der zweite Weltkrieg: Memoiren): Die tschechischen Grenzbefestigungen mussten nicht überwunden werden. Diese Befestigungsanlagen befanden sich zum größten Teil im Sudetenland. Nach späterer Einsicht der Wehrmacht wären diese „uneinnehmbar“ gewesen. Eine militärische Lösung hätte eventuell den weiteren Ablauf der Geschichte entscheidend verändert. (WIKIPEDIA)

Am 15. März 1939 wurde die „Rest-Tschechei“, so die Bezeichnung im sogenannten „Dritten Reich“, völkerrechtswidrig durch die deutsche Wehrmacht besetzt. Die Slowakei, ein klerikal-faschistisch ausgerichteter Vasallenstaat, wurde vom Deutschen Reich am 14. März 1939 anerkannt.

Die komplette Kontrolle über die frühere Tschechoslowakei war Hitler aus strategischen Gründen wichtig, zumal dieser lange Landstreifen bis in die Mitte des Großdeutschen Reiches hineinreichte.[3] Hitlers relativ leichter Erfolg bei der Landnahme und die eher abwartende Haltung der westlichen Demokratien motivierten auch andere Nachbarn der ČSR zur Landnahme. Ungarn besetzte 1938 Grenzgebiete mit teils ungarischer Bevölkerung und 1939 die Karpatoukraine, Polen okkupierte Gebiete in Teschen mit einer polnischen Bevölkerung im Oktober 1938. (WIKIPEDIA)

Mit dem Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ kamen unter anderem die Skoda-Werke unter deutsche Kontrolle. Damit war eine der größten europäischen Waffenschmieden der damaligen Zeit zum Lieferanten der Wehrmacht geworden (z.B. Jagdpanzer 38). Die Waffen der tschechischen Armee waren keine geringe Beute der Wehrmacht (z.B. die Panzerkampfwagen 35 und 38). (WIKIPEDIA)

Überblick über die tatsächliche Militärische Lage im Herbst 1938:

Militärische Stärke im Vergleich (Stand 29.09.1938)

Deutschland Tschechoslowakei
Soldaten 503.604 540.258
Panzer 1.179-1.227 230
Geschütze 76mm und grösser 2.456 1.769
Panzerabwehrgeschütze 1.990 1.168
Minenwerfer 3.673 932
leichte Maschinengewehre 10.862 32.291
Schwere Maschinengewehre 3.622 5.983
Flugabwehrkanonen 360 201
Kampfflugzeuge 2.400 1.500

(Quelle: REFLEX, Ausgabe 39, 25.09.2008)

Die strategische Situation im Herbst 1398:

Der tschechoslowakischen Armee standen im Westen die deutsche 10. Armee mit 6 Divisionen, im Nordwesten die deutsche 8. Armee mit 6 Divisionen und die deutsche 2. Armee mit 6 Divisionen gegenüber. Im Süden (auf dem Gebiet des bereits okkupierten Österreich) standen die deutsche 12. Armee mit 9 Divisionen und die deutsche 14. Armee mit 6 Divisionen. Auf polnischer Seite stand eine polnische Operationseinheit mit 35.966 Soldaten, 103 Panzern und 103 Flugzeugen. In Ungarn standen den Tschechoslowaken 7 Brigaden gegenüber.

Aktuelle Diskussionen zum Thema "Münchner Abkommen" in Tschechien 

Bevor wir uns der aktuellen Diskussion zuwenden, beginnen wir mit einem Deutschen. Einem Zeitzeugen. Mit Karl Barth. Barth gehörte damals zu den sehr wenigen, die die wahre Natur des Münchner Abkommens bereits erkannt hatten, als dieses noch in Vorbereitung war. In dem Brief an Hromadka schrieb er, dass „nicht der Strom von Lüge und Brutalität, der von dem hitlerischen Deutschland ausgeht“, so furchtbar wäre, sondern der Umstand, dass Westeuropa „vergessen“ könnte: „mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt heute nach menschlichem Ermessen die von Europa und vielleicht nicht nur von Europa“. Und er fügte etwas hinzu, das in Berlin mit Zorn, anderswo mit Unverständnis registriert wurde: „Dennoch wage ich zu hoffen, dass die Söhne der alten Hussiten dem überweich gewordenen Europa dann zeigen werden, dass es auch heute noch Männer gibt. Jeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch für uns“. (aus Barths Brief an den Prager evangelischen Theologen Josef Lukl Hromadka (1889-1969, Bild) vom 19. September 1938)


Im aktuellen Medienspiegel macht das Magazin REFLEX das Münchner Abkommen, sein Zustandekommen und die seine Konsequenzen zum Hauptthema der Septemberausgabe. Eine der aufgeworfenen zentralen Fragen lautet: "Hätten wir kämpfen sollen?" Als Zusammenfassung dieser Diskussion hier die Übersetzung der Stellungnahmen des Philosophen Jan Patočka (Pro) und des Politologen Bohumil Doležal (Contra):


Hätten wir im September 1938 kämpfen sollen?

Ja: Jan Patočka

"Als in den Tagen Münchens die Stunde der Entscheidung kam, brach er (Präsident Beneš, Anm. der Redaktion) kläglich zusammen, anstatt in dieser Situation eine einzigartige historische Gelegenheit zu erkennen. Der Generalstab hatte ihm mitgeteilt, dass wir zwar unterliegen müssten, wenn wir es alleine angehen, aber dass wir es allem zum Trotz wagen müssen, und dennoch gab er auf. Dadurch brach er das moralische Rückgrat der Gesellschaft, die bereit war zu kämpfen, nicht nur für den gegebenen Augenblick, sondern auch für lange Zeit, für die ganze Kriegszeit und die Zeit danach..... Es ist die Tragik des modernen Tschechentums, dass seine Sehnsucht danach, im ausdauernden Ringen Mann gegen Mann Gleichberechtigung mit den Grossen der Welt zu erringen, in dem Augenblick, als sich - unwiederholbar - eine historische Gelegenheit dazu bot, durch das Versagen eines durchschnittlichen Menschen und schwachen Politikers, dem unser Schicksal anvertraut war, vereitelt wurde - vielleicht für immer..... So scheint es mir, dass die Tschechen, diese Anhänger der Befreiungsaktione "von oben", die Gelegenheit verpassten, genügend selbständige Entscheidungsfreiheit zu erringen...."


Nein: Bohumil Doležal

"Das ist, wie auch Herr Präsident (Vaclav Klaus, Anm. des Übersetzers) sagte, eine schlecht gestellte Frage. Im Jahr 1938 hatte die ČSR praktisch keine ernstzunehmenden Verbündeten. Ihr militärisches Potenzial war mit dem Deutschlands nicht vergleichbar. Ein beträchtlicher Teil ihrer Bevölkerung (Deutsche, Ungarn, Polen, aber auch ein bedeutender Teil der Slowaken), sahen sie nicht als IHREN Staat an und die Deutschen in erdrückender Mehrheit sympathisierten ausgesprochen mit dem Gegner. In dieser Situation war es überaus begreiflich, dass Präsident Beneš dem Druck der Weltmächte nachgab....Die Frage lenkt darüber hinaus den Blick ab von zwei weit wesentlicheren Dingen: Zum einen, hat die ČSR nach 1918 alles dafür getan, ihre Idee einer buntgemischten Multinationalität in der Bevölkerung zu verankern? Dort, wo das Volk geteilt ist, helfen auch keine Betonmonster an der Grenze (Anm. des Übersetzers: die starken tschechoslowakischen Befestigungsanlagen). Zweitens: bewahrte sich die tschechische Gesellschaft nach München "Trotz in der Niederlage", wie Chrchill sagte? Verfiel sie nicht, anstatt sich auf schlechte Zeiten vorzubereiten, in Auflösung und Kapitulantentum?"

(Übersetzungen von Rolf Kasten)


Schlagzeilen und Beiträge aus "Lidové Noviny":

MÜNCHEN IST EINE TRÜGERISCHE PARALLELE (LN, 27.09.2008, Eva Hahnová)

In ihrem Artikel kommt die tschechische Historikerin Eva Hahnová zu dem Schluss, dass "die historische Einzigartigkeit des Naziregimes, seine Ideologie und Ziele, sein Rassismus und seine Verbrechen... es uns nicht erlauben, München als Parallele oder als metaphorisches Vermächtnis zu benutzen in den Debatten über die Konflikte der heutigen Politik."

Am gleichen Tag schreibt die Journalistin Hana Čápová in LIDOVÉ NOVINY unter der Schlagzeile MÜNCHEN ´38? DIE ÄLTEREN VERZEICHEN NICHT, DIE JUNGEN JA: "Auf die Frage: "Verzeihen Sie es den Deutschen, dass sie im Jahr 1938 die Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen um einen Teil ihres Staatsgebiets gebracht haben?" antworteten 39% von insgesamt 602 Befragten ablehnend. Ebenfalls 39% aber positiv oder mit "das ist mir total egal"... Während in der Gruppe der bis 24jährigen lediglich 22% verneinten, waren es bei den 55- bis 60-jährigen mehr als 71%."

Am 7.09.2008 schreibt Robert G. Kuklik in LIDOVÉ NOVINY unter der Schlagzeile MÜNCHEN 1938 UND STOLZ DER NATION selbstkritisch: ".... Es hätte klar sein sollen, dass Nationalstolz ebenfalls manchmal mit Blut besiegelt werden muss, auch dann, wenn dies Opfer kostet. Die historischen Erfahrungen zeigen, dass dieses (Anm. des Übersetzers: gemeinsame) Blut nur dann eine Nation zusammenkittet." Weiter im Artikel schreibt Kuklik zur sudetendeutschen Frage: "Die Frage ist hier, wo war die "Selbstbestimmung der Minderheit" von der der amerikanische Präsidenten Wilson sprach, als ihm Beneš versicherte, dass die Sudetendeutschen im Grunde Tschechen seien, die lediglich Deutsch sprechen!"

(Übersetzungen von Rolf Kasten)

Zum Schluss dieses kleinen Medienspiegels noch ein paar Prager dpa-Meldungen:

"Auch im Jahr 2008 sind viele Tschechen, darunter der ehemalige Präsident Vaclav Havel, der Ansicht, ihr Land habe sich militärisch wehren sollen. Beneš hatte 1938 die Mobilmachung angeordnet, dann jedoch keinen Einsatzbefehl gegeben. München, so Havel in einer Rede 1995, stehe für «die Konfrontation zwischen Demokratie und Nazi- Diktatur». Die Demokratie habe kapituliert." Jakob Lemke

Prag (dpa) - "Der tschechische Ex-Präsident Vaclav Havel und der Oscar-preisgekrönte Filmregisseur Milos Forman wollen die Geschichte des „Münchner Abkommens“ von 1938 auf die Filmleinwand bringen. Ein entsprechender Bericht der Zeitung „Mlada fronta Dnes“ wurde in Prag aus Havels Umfeld bestätigt.
Demnach schreiben Havel und Forman bereits an einem Drehbuch, das sich an das Buch „Der Geist von München“ des französischen Publizisten Georges-Marc Benamou anlehnt."

Und schliesslich ein Zitat aus einer Diskussion im Tschechischen Fernsehen, das u.a. im Hinblick auf das aktuelle Politische Thema der Stationierung amerikanischer Raketenabwehreinrichtungen in Tschechien höchst interessant ist: "Im Notfall, so die Schlussfolgerung, könne man sich eben nicht auf europäische Verbündete verlassen, sondern müsse auf die Sicherheitsgarantien seitens der USA und der NATO setzen." (Übersetzung von Rolf Kasten)

Insgesamt kann man sagen, dass in der öffentlichen Diskussion und Meinung das Thema "Zorn und Groll" eher eine untergeordnete Rolle spielt. Und wenn diesbezügliche emotionalere Äusserungen zu hören bzw. zu lesen sind, dann fast immer gepaart mit der Enttäuschung über das "Im-Stich-gelassen-werden" durch die tschechischen Verbündeten - allen voran Frankreich - im Jahr 1938. Eine wesentlich grössere Rolle in der öffentlichen Diskussion - und selbst an den tschechischen Stammtischen, wovon sich der Autor dieses Beitrags ausführlich überzeugt hat - spielen die beiden Fragen (in wertender Reiehnfolge):

1. Was lernen wir aus der Geschichte für unsere heutige Politik?

2. Was ist aus Idee und Umsetzung eines multikulturellen und multinationalen Staates geworden?


Ich würde mich - auch im Namen unseres ganzen Teams - freuen, wenn Sie zum hier angerissenen Thema Münchner Abkommen (natürlich gerne auch zu allen anderen Themen dieser Website) mit Kommentaren, Meinungsäusserungen oder Fachbeiträgen etwas beisteuern würden.

Ihr Rolf Kasten, 17.10.2008

 

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