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 ENTROPA: Tschechien, die EU und die Kunst

Zu Beginn dieses Specials ein persönlicher Kommentar von Rolf Kasten:

DER KOMMENTAR:

Im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft Tschechiens im ersten Halbjahr 2009 durfte also auch unser "kleines" Land auf europäisch-internationaler Bühne ein Kunstwerk ausstellen. Erstellt von einem tschechischen Künstler. "Selbstverständlich von einem tschechischen Künstler" werden Sie sagen. Nun ja, so selbstverständlich scheint das aber garnicht zu sein. Zumindest nicht aus Sicht der europäischen Spitzenpolitiker. Zugegeben: David Černý (der gemeinsam mit den beiden anderen tschechischen Künstlern Kristof Kintera und Tomas Pospiszyl das in Brüssel aufgestellte Kunstwerk schuf) hatte im Vorfeld verlautbaren lassen, das Werk werde von europäischen Künstlern verschiedener Staaten gemeinsam geschaffen. Eine großzügige Geste - finde ich - wenn es gestimmt hätte. Großzügig von Černý, aber auch großzügig von Tschechien, freiwillig den kurzzeitigen Ruhm zu teilen. Nun, die Verlautbarung war ein Scherz. Kein besonders guter, ebenfalls zugegeben. Aber Künstler sind keine Politiker. Diplomatie tritt - falls überhaupt ein Thema - eben hinter Kreativität und - manchmal - auch Provokation zurück. Und das ist auch gut so. Das entspricht einer der Funktionen, die Künstler in einer Gesellschaft haben. Ok, diesmal war´s nicht besonders witzig und auch nicht von erkennbarem Sinn. Aber dramatisch war es ebenfalls nicht. Was soll also das Geschrei und Gezeter? (Das Bild hier ist übrigens das Titelbild der Zeitschrift REFLEX vom 22. Januar 2008. Die Headline heißt übersetzt: "Wir haben es Europa versalzen". Das ist eine Anspielung auf den Slogan, mit dem die tschechische Regierung ihre EU-Ratspräsidentschaft angekündigt hat: "Wir werden es Europa versüßen".)

Kunst soll (angeblich) frei sein. (Naja, die Gedanken ja angeblich auch. Und trotzdem gibt es immer mal wieder den Versuch.... aber das ist ein anderes Thema.) Kunst ist in jedem Fall aber subjektiv - bezüglich Themenwahl, Inhalt und Geschmack. Künstlerische Freiheit ist mehr, geht weiter als nur bis zur Wahl von Farben, Materialien und Realitätsgrad der Darstellung. Natürlich ergibt sich daraus zwangsläufig eine Spannung zwischen Auftraggeber und Künstler, wenn der Auftraggeber die Politik ist. Ganz egal, ob es sich dabei um eine Partei, einen Staat oder einen Staatenverbund handelt. Da sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Naturgemäß. Das weiß man. Damit muß man rechnen, vielleicht will man das ja sogar. Wo in diesem Spannungsfeld der Künstler sich selbst positioniert, ist sein persönliches Problem. Selbstzensur spielt manchmal eine (erkennbare) Rolle. Opportunismus, in üblen Fällen. Manchmal auch das Gegenteil, die gewollte Provokation (nicht immer allein aus künstlerischen Erwäggründen, zugegeben, sondern auch als Methode des Eigenmarketings). Um zum konkreten Beispiel zu kommen: die Darstellung eines Landes als eine Serie von Stehtoiletten ist sicherlich nicht sonderlich charmant. Und kein Politiker freut sich darüber, wenn sein Land als verschnürte Wurst dargestellt wird (erst recht nicht, wenn die Verschnürung die Nationalfarben eines anderen Landes trägt, eines Landes, mit dem man nicht nur in der Vergangenheit immer wieder Konflikte hat austragen müssen). Aber, was dort jetzt in Brüssel steht, ist kein verbildlichtes politisches Statement, ist kein Erguß respektloser Politiker. Es ist ein Kunstwerk! Das Produkt eines freien Künstlers. Und wenn die Politik sich schon auf und mit Kunst einläßt, na, dann sollte sie auch damit zu leben lernen, besser gesagt: inzwischen gelernt haben, heute, im 21. Jahrhundert. Hat sie aber wohl nicht, augenscheinlich. 

Eine - meinetwegen bissige - Satire auf ENTROPA, ja, ok, auch auf David Černý, das wäre eine angemessene, ja sogar souveräne Reaktion gewesen. Eine Reaktion, die staatsmännische Größe bewiesen hätte. Aber stattdessen: wieder nur Geschrei und Gezeter. "David hat gesagt, ich sei doooooof!" beschwert sich heulend die kleine Ursula bei der Kindergärtnerin. Sehen Sie, es scheint für Politiker auch heute immer noch leichter zu sein, mit Krisen und Kriegen umzugehen, als sich mit Kunst konfrontiert zu sehen. Oder irre ich mich hier? Ist es vielleicht nur eine Frage, auf welchem Themenfeld man sich leichter in Szene setzen kann? 

Mit den besten Empfehlungen: Ihr Rolf Kasten

Auf den Webseiten von Radio Prag (siehe unseren Nachrichtenteil AKTUELLES AUS TSCHECHIEN) schreibt Jitka Mládková:

Wie leicht es ist, Politiker an der Nase herumzuführen, hat dieser Tage der jüngste Skandal um das tschechische Kunstwerk Entropa in Brüssel gezeigt. Ein Feuilleton von Jitka Mládková.

Offen gesagt, die Wahl des Themas für das heutige Radiofeuilleton ist mir diesmal etwas schwer gefallen. Nicht etwa deswegen, weil da ein Mangel an Themen besteht. Im Gegenteil! Die Themen liegen doch überall auf der Straße. In diesem Sinne war es eher die Qual der Wahl also. Letztendlich habe ich mich entschlossen, „ein Wort“ zum Skandal zu sagen, den sich Tschechien zum Auftakt seiner EU-Ratspräsidentschaft eingebrockt hat. Sie wissen wohl Bescheid. Gemeint ist das EU-Kunstwerk namens „Entropa“, das angeblich bekannte Vorurteile über die 27-EU-Länder in Form eines Riesenpuzzles darstellt. An sich keine schlechte Idee! Außerdem sollten sich an dessen Umsetzung 27 Künstler aus den jeweiligen EU-Staaten beteiligen. So hat es bis Anfang dieser Woche der Bildhauer und Projektleiter David Cerny präsentiert.

(Bild: RADIO PRAG) Dann aber kam eine überraschende Information von ihm: Die ironische Darstellung Europas sei kein Ergebnis einer europäischen Teamarbeit gewesen, sondern seine eigene (Bild rechts: David Černý im Fordergund. RADIO PRAG)  und die zweier weiterer Kollegen. Man habe gewusst, so die offizielle Erklärung Černýs von dieser Woche, dass die Wahrheit enthüllt werden würde, doch vorher wollte man noch wissen, ob es Europa versteht, sich über sich selbst lustig zu machen. Ein Schock für die politischen Schirmherren in Tschechien. Sie sollen nämlich nichts davon gewusst haben. Die Künstlertroika erklärte: Man habe nicht gewollt, die Politiker für die „politisch unkorrekte Satire“ verantwortlich zu machen. Die Frage, ob es politisch korrekt war, Tschechien mit einem Kunstwerk auf internationalem Forum repräsentieren zu wollen und dabei seine Schirmherren zu Hause an der Nase herumzuführen, hat sich Černýs Team offenbar nicht gestellt.

Nachdem sich am Donnerstag kaum jemand bei der offiziellen Vorstellung des gerne pfiffig wirken wollenden Kunstwerkes in Brüssel krumm gelacht hatte, musste sich Tschechien bei allen EU-Partnern entschuldigen. Bulgarien, auf dem Puzzle Entropa als eine Ansammlung von Hocktoiletten dargestellt, besteht auf dessen Entfernung. Beschwert hat sich auch die Slowakei, die wie eine mit der ungarischen Trikolore verschnürte Salami abgebildet ist.

(Bild: RADIO PRAG) Wie konnte die Blamage entstehen, muss man sich fragen. Wie einst nur Hofnarren Unangenehmes vor fremden Gesandten sagen durften, um dem Herrn König diplomatische Probleme zu ersparen, wurde das tschechische Enfant terrible provokanter Kunstdarstellungen, David Černý, nach Brüssel geschickt. Sein Auftragsgeber, Vizepremier und Europaminister Alexandr Vondra, hatte ihm bei der Umsetzung des deklarierten Vorhabens freie Hand gelassen. Es wäre doch toll, einen Briten, einen Franzosen oder einen Bulgaren, sich lustig über die Briten, Franzosen oder die Bulgaren machen zu lassen. Das ist bekanntlich anders ausgegangen. Die Tschechische Republik will es Europa laut dem offiziellen Motto ihrer EU-Ratspräsidentschaft „versüßen“. Nun, „Entropa“ hinterlässt allerdings einen bitteren Nachgeschmack.

 

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