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Tschechische Sagen und historische Wirklichkeit

Teil I: Die Gründung Prags

1. Die Sage von der Gründung Prags (Text von Eduard Petiška, siehe Quellennachweise)

Es stand einmal vor langer Zeit über der Moldau eine Burg mit hölzernen Schanzen und einem gezimmerten Palast inmitten der Schanzen. Später erhielt sie den Namen Vyšehrad. Sie ragte am rechten Ufer des Flusses auf einem hohen, an seinem Fuß von den unruhigen Wellen umspülten Fels emmpor. Die Burg war fest wie der Wille der Fürsten, die in ihr herrschten (links Bild des heutigen Vyšehrad. Quelle: 1111 památek a zajímavostí Prahy, Petr David + Vladimir Soukup, Kartografie Praha 2001, ISBN 80-7011-612-9))

Hier, so heißt es, saß Fürst Přemysl auf einem steinernen Fürstenthron und nahm gemeinsam mit der Fürstin Libuše die Berichte aus seinem ganzen Land entgegen, hier fällte er Urteile und erteilte Ratschläge. Unter seiner Verwaltung veränderte sich das Land immer schneller.

Die dichten Wälder mußten Feldern weichen, und zwischen den Feldern erbauten fleißige Leute Siedlungen und Festen und Burgen. Ein guter Ratgeber war Fürst Přemysl für sein Volk. Je mehr Festen und Burgen im Lande waren, umso besser konnten sich die Einwohner des Landes gegen einen feindlichen Einfall wehren. Bei kriegerischen Wirrren zogen sie sich hinter die Wälle und Schanzen zurück, sammelten dort Vorräte an und trieben auch das Vieh an diese befestigten Orte. Hinter den Schanzen verteidigten sie ihr Leben und das Leben ihrer Familien.

Der Stamm der Tschechen erstarkte immer mehr, und man mußte immer neue und neue Wohnsitze suchen. Auf die Frage, wo es am günstigsten wäre, eine neue Siedlung anzulegen, pflegte die Fürstin Libuše zu antworten:

"Laßt euch dort nieder, wo ihr die vier Elemente in gutem Einvernehmen vorfindet: fruchtbare, lebensspendende Ackererde, reines Wasser, gesunde Luft und genügend Nahrung für das Feuer, dort, wo Bäume Holz und Schatten gewähren. Wenn unter den Elementen ein gutes Einvernehmen herrscht, werdet ihr keine Not erleiden."

Viele Familien siedelten sich damals im Lande nach Libušes Rat an, und ihre Felder trugen reiche Ernte, und ihre Herden wuchsen. Aus den Feuerstätten der neuen Behausungen stieg fröhlich der Rauch gen Himmel.

In dieser Zeit wuchsen viele Siedlungen und Festen empor. Und es war wie in einer Sternennacht, da viele Sterne leuchten, aber noch nicht der Mond aufgegangen ist, der mit seinem Licht und seiner Größe alle Sterne übertrifft und über sie herrscht.

Einmal, als Fürst Přemysl gemeinsam mit seiner Gemahlin Libuše die Burg Libušín aufsuchte, stiegen sie im Verein mit ihrem Gefolge auf den höchsten Punkt der Burg. Es war Abend, und im Schein der untergehenden Sonne breitete sich nach allen Seiten eine Landschaft aus, in welcher Menschenwerk seine Spuren hinterlassen hatte. Felder wechselten mit Siedlungen und Weiden ab, der Wald war zurückgetreten bis an den Horizont und hielt dort Wache wie ein geschlossenes Heer. Die blendende Sonne sank hinab in den Wald, und der Schatten der Burg fiel gen Osten (die Karte zeigt die Lage von Prager Burg und Vyšehrad auf dem Stadtplan des heutigen Prag).

Die Fürstin Libuše wandte sich um zu den blauen und linden Schatten der anbrechenden Nacht, und plötzlich bemächtigte sich aller Dinge auf Erden und in den Lüften eine große Stille. Niemand aus dem Gefolge sprach ein Wort, selbst der Wind hielt den Atem an, und die Vögel, die bis zu diesem Augenblick gesungen hatten, verstummten in den Kronen der Bäume. Die Fürstin streckte die Hand gen Osten aus, und als berührte sie in den Wolken und abendlichen Dünsten etwas in der Ferne, bewegte sie sachte die Finger und sprach:

„Ich sehe eine große Burg, und ihr Ruhm steigt hoch bis zu den Sternen. Dieser Ort liegt verborgen in den tiefen Wäldern, vom Norden schützt ihn das Tal des Baches Brusnice, vom Süden ein breiter felsiger Berg. Der Fluß Moldau bahnt sich seinen Weg unter seinen Hängen. Dort geht hin, und ihr werdet inmitten des Waldesdickichts einen Mennschen finden, der die Schwelle seines Hauses zimmert. Dort baut eine Burg und nennt sie nach unserem Wort für die gezimmerte Schwelle práh Praha. Und so wie auf einer Schwelle auch die großen Herren das Haupt neigen, so werden sie es auch vor dieser Burg neigen." (siehe Karte des heutigen Vyšehrad. Aus "Za strašidly po Praze", Euromedia Group 2008, ISBN 978-80-249-1066-6)

Fürst Přemysl und sein Gefolge schauten in die angezeigte Richtung, aber sie sahen nur die vordringende Nacht. Die Zukunft war in ihr verborgen wie ein Edelstein im Berg.

Noch eine Weile wies die weiße Hand der Fürstin in die Ferne, dann wich der prophetische Geist von ihr, und der Glanz in ihren Augen erlosch. Und wie es bei Propheten und Dichtern zu sein pflegt, erwachte die Begeisterung, nachdem sie bei Libuše erschlafft war, in denen, die ihr zugehört hatten, und sie machten sich sogleich auf den Weg.

Im Morgendämmern des neuen Tages brachen Abgesandte nach Osten auf, und sie fanden die Stelle, von welcher die Fürstin gesprochen hatte. Sie stießen auf das Tal eines Baches und auf den felsigen Berg, und sie drangen in das Waldesdickicht ein, woher regelmäßige Axtschläge erschallten. Sie fanden den Mann, der die Schwelle seines Hauses zimmerte. Sie säumten nicht und machten sich ans Werk. Sie fällten Bäume, erbauten Blockhäuser, häuften einen Wall auf. So wuchs am linken Ufer der Moldau die Burg Praha empor, aus Balken gefügt wie die Burg Vyšehrad, aber geräumiger und schöner. Der Name Praha ging von Mund zu Mund durchs ganze Land. Fremde Kaufleute trugen ihn auch in ferne Länder.


2. Historische Wirklichkeit (von Rolf Kasten)

Karte der heutigen Prager Burg (aus: "Praha", Dorling Kindersley, ISBN 80-249-0718-6)

2a. Fürst Přemysl und Fürstin Libuše

Beides sind historisch nicht belegbare reine Sagengestalten. Der Sage nach war „Fürst Přemysl der Pflüger“ (tschechisch: Oráč) der Gründer des Herrscherhauses der Přemysliden. Die Sage sagt, er sei jedoch selber kein Tscheche gewesen, sondern vom slawischen Stamm der Lemuzen in die Region gekommen. Gemäß der „Chronica Boemorum“ des Mönches Cosmos aus den Jahren 1119 bis 1125 folgten Přemysl dem Pflüger die folgenden Fürsten auf dem Böhmischen Thron: Nezamysl, Mnata, Vojen, Vnislav, Křesomysl, Neklan und Hostivit. Niemand dieser Fürsten ist jedoch historisch belegbar. Der erste historisch belegbare Přemyslidenfürst ist Bořivoj.

Ebenso ist die Fürstin Libuše keine historische, sondern eine reine Sagengestalt, die erstmals in klösterlichen Erzählungen aus den Jahren 992 und 994 auftaucht. Die Sage erzählt, sie sei eine heidnische Schamanin und Wahrsagerin gewesen, die dann von Přemysl dem Pflüger geheiratet wurde.

2b. Prager Burg, Vyšehrad und Libušín

Die Gründung der Prager Burg (übrigens das weltweit größte geschlossene Burgareal) auf dem etwa 70 Meter hohen Berghügel Hradschin fand im 9. Jahrhundert (vor 885) statt. Der Přemyslidenfürst Bořivoj ließ damals dort die St.-Marien-Kirche bauen. Allerdings war die Stelle auch bereits vorher besiedelt und durch Wallanlagen geschützt. Der in der Sage von Libuše erwähnte schutzbietende natürliche Graben existiert tatsächlich, ebenso wie der Bach Brusnice.

Vyšehrad wurde erst in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts am gegenüberliegenden Ufer der Moldau gegründet, also NACH der Prager Burg. Um das Jahr 1070 verlegt König Vratislav II den Regierungssitz von der Prager Burg auf den Vyšehrad (als Reaktion auf ernsthafte interne Streitigkeiten, vor denen er sich auf dem Vyšehrad in Sicherheit bringen wollte). Im Jahr 1135 erfolgte dann ein großer Umbau der Prager Burg durch Soběslav I, der gegen Ende seiner Regierungszeit den Regierungssitz wieder auf die Prager Burg zurück verlegte.

Das 4 Kilometer nordwestlich von Kladno gelegene Libušín wird urkundlich erstmals um 1050 unter Fürst Břetislav I erwähnt. Archäologische Funde belegen allerdings eine Besiedlung des Platzes schon im 6. Jahrhundert.

2c. Zusammenfassung

Gemäß der Sage lebte Libuše mit Přemysl dem Pflüger wesentlich vor dem 9. Jahrhundert (die Erzählung stammt aus dem 10. Jahrhundert, später wurden nach Libuše noch weitere 7 Nachfolger von Přemysl dem Pflüger in den Sagen erwähnt, s.o.). Vyšehrad wurde aber erst im 10. Jahrhundert gegründet. Die zeitliche Reihenfolge, welche die Sage angibt, stimmt also ebensowenig wie die Datierung der Gründungen von Vyšehrad und Prager Burg. Andererseits hat es an beiden Plätzen frühere Besiedlung gegeben.

2d. Fragen

Die Betrachtung von Sage und historischer Wirklichkeit wirft (u.a.) die folgenden Fragen auf:

1. Die Besiedlung der Plätze Vyšehrad und Prager Burg mag durchaus bereits im 6. Jahrhundert begonnen haben (siehe auch Libušín). Ist Türschwelle (práh), welche in der Sage als Gründungssymbol genannt wird, ein erzählerisch verklärtes Symbol für den (frühen) Anfang der Besiedlung? Oder ist sie (im Hinblick auf die Entstehungszeit der Sage) ein Symbol für den Beginn einer neuen Ära in der Entwicklung des tschechischen Staates (siehe Staatsgeschichte)?

2. Paßt die zeitliche Differenz zwischen dem 6. Jahrhundert (Besiedlungsbeginn) und dem 9. Jahrhundert (Bořivoj) zu der von Cosmos genannten Zahl der (vorchristlichen) Nachfolger von Přemysl dem Pflüger?

2e. Diskussion

Haben Sie Fragen zum Thema? Oder möchten Sie zu diesem Thema eine Kritik oder einen eigenen Beitrag schreiben? Dann senden Sie uns Ihren Text oder Ihr sonstiges Material, das wir gerne hier veröffentlichen. Oder nutzen Sie unser FORUM für Fragen und Anregungen zum Thema.

 

Die Ausbaustufen der Prager Burg (Quelle: Český atlas Praha, Jaroslav Kocourek, Verlag freytag + berndt, Praha 2006, ISBN 80-7316-209-1)
10. Jahrh.

1 Westtor / 2 westl. Vorburg / 3 Kirche der hl. Maria

4 Rotunda des hl. Vit / 5 Fürstenpalast

6 Kirche und Kloster des hl. Jiři / 7 östl. Tor

13. Jahrh.

10 weißer Turm / 11 Bischofsturm / 12 Bischofshaus

13 Basilika des hl. Vit / 14 Kloster der Prager Kirche

15 Königspalast / 16 Basilika und Kloster des hl. Jiři 

17 Südtor / 18 Burggrafenturm / 19 schwarzer Turm

15. Jahrh.

23 Kathedrale des hl. Vít / 24 Ruinen des Klosters der

Prager Kirche / 26 Kirche Aller Heiligen

16. Jahrh.

30 Westtor / 31 westl. Palast / 33 Pobstei / 38 Mihulka

40 neuer weißer Turm / 42 Daliborka / 44 Barbakán

45 Kanonenfestung

17. Jahrh.

47 Tor zum neuen Schloß / 50 Bischofsturm / 51 Rudolfpalast

52 Nordflügel / 59 Rosembergpalast / 60 Pernsteinpalast

65 Hornistenturm

Die Reihe wird fortgesetzt mit dem Vergleich weiterer tschechischer Sagen mit den historischen Realitäten.

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