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Jáchym Topol: "Die Schwester", Buch und Film
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Beginnen wir unsere Serie zum Thema "Tschechische Literatur" mit

  Jáchym Topol

Eine etwas andere Film- und Bucherwähnung. "-besprechung", werden Sie jetzt sagen. "Es muß heißen¨: Film- und Buchbesprechung." Nein, liebe Leser, eine Besprechung ist das hier nicht. Aber Sie werden schon sehen.

Es begann alles damit, daß ich Jáchym Topols Buch "Die Schwester" (Tschechisch: "Sestra") las. Und schon wieder werden Sie als stilkundige Deutschsprachler etwas zu nörgeln haben: "Es muß heißen: gelesen habe. Perfekt, nicht Präteritum!" Und ebenfalls schon wieder widerspreche ich. Denn eigentlich lese ich es immer noch, diesen, sagen wir einmal, Roman. Nun, ausgelesen habe ich ihn schon. Verschlungen bis zum letzten Buchstaben. Gierig. Fassungslos. Süchtig schon nach den ersten paar Sätzen. Ausgesaugt bis zum letzten Blutstropfen habe ich dieses Werk. Aber ich lese es noch. Nicht: noch einmal, sondern dauernd. Es verfolgt mich seit einem halben Jahr (da habe ich die letzten Sätze, den Schluß, der eigentlich kein Schluß ist, inhaliert. Danach habe ich das Buch nie wieder angefaßt. Musste ich auch nicht. Es ist jetzt in mir. Zwangsläufig. Das geht nicht anders. Ist unvermeidlich. Im Unterricht wollte ich es verwenden, das Zeug, den Stoff. Ging nicht. War zu schwer. In Deutsch zu schwer für meine tschechischen Deutsch-Schüler und in Tschechisch für mich, um es vernünftig besprechen zu können (Das ist inzwischen anders, aber... na, Sie werden schon sehen). Vielleicht gebe ich Ihnen jetzt am besten mal den Anfang vom Ganzen. Die ersten paar Sätze des Buches:

"Wir waren die Leute vom GEHEIMNIS. Und wir warteten. Dann ist David verrückt geworden. Vielleicht ist gerade sein Kopf geplatzt, weil seiner der beste Kopf war, der die Signale aussendete und so die ganze Clique, die ganze Gemeinschaft vorantrieb. Das haben wir uns immer gesagt, daß es vorangeht, irgendwohin, aber bald hatten wir alle jeden Begriff davon verloren, wohin die Jagd geht." (Jáchym Topol, Die Schwester, Suhrkamp)


Und für die paar Leute unter Ihnen, die es auch Tschechisch treiben, hier der Originaltext (aus SESTRA, Atlantis-Verlag):

"Byli jsme lidi Tajemství. A čekali jsme. Potom se David zbláznil. Možna praskla hlava jemu, protože byla tou nejlepší hlavou, která vysílala signály a tak poháněla celou partu, celé společenství dopředu. To jsme si říkali, že je to dopředu, někam, ale brzy jsme všichni ztratili pojem o tom, kam se ženem."


Übrigens habe ich Suhrkamp angeschrieben, und um eine Buchbesprechung gebeten. Wer sonst, wenn nicht der Verlag, der ein Buch herausbringt, wäre kompetent genug dazu? Sie haben nicht geantwortet. Na, ich will fair bleiben. Eigentlich habe ich nach allen tschechischen Autoren des Verlags gefragt. Sie haben trotzdem nicht geantwortet. Nun, vielleicht tun sie es ja noch. Dann wird ihr Beitrag ebenfalls hier erscheinen. So bleibt mir also jetzt nichts weiter übrig, als es selbst zu versuchen. Nun, das Resultat lesen Sie ja gerade. Damit Sie wenigstens ungefähr wissen, was mit der Handlung des Romans los ist - obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die nacherzählbare Handlung wirklich das Wesentliche des Werkes ist - gebe ich ihnen nun den Suhrkamp-Klappentext des Buches zu lesen:

"Im September 1989 beobachten Potok, junger Schauspieler und Tänzer, Bohemien und Anarchist, und seine Geliebte Kleine Weiße Hündin (die eigentlich Bárbara heißt) die DDR-Touristen, die sich vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik drängen. Die Welt ist aus den Fugen, und Wirklichkeit und Kulisse scheinen die Plätze getauscht zu haben. In dieser heillosen Zeit gründet Potok zusammen mit Freunden die "Organisation", halb Gang, halb Sekte, mit einem gewissen Ehrenkodex behaftet und finanziell sehr erfolgreich. Dann verschwindet Kleine Weiße Hündin spurlos, und Potoks einzige Hoffnung auf Halt besteht nun darin, die "Schwester" zu finden, jene Liebe und Tod verkörpernde Frau, von der ihm seine Freundin erzählt hatte. Doch die kriminellen Verstrickungen der Organisation werden zunehmend mafiöser, und schließlich muß Potok aus Prag fliehen - gemeinsam mit der "Schwester"."

Sie merken schon, liebe Leser, alles was kursiv geschrieben ist, stammt nicht aus meiner Feder. Der Rest schon. Suhrkamp gibt ein paar Informationen zum Autor. Ebenfalls kurz im Klappentext:

"Jáchym Topol, 1962 in Prag geboren, war nicht nur der Star des literarischen und musikalischen Underground vor 1989, sondern ist auch heute noch der bekannteste tschechische Autor seiner Generation. Nach "Die Schwester", in Tschechien zum Kultbuch geworden, folgten die Romane "Engel EXIT" und "Nachtarbeit"."

Die ZEIT schreibt zum Buch: "Ein großer, wilder, phantastischer Schriftsteller." Und die tageszeitung meint: "Ein Buch wie der Turm zu Babel: groß, schön, vermessen - und kaputt."

Also, es begann alles damit, dass ich "Sestra" las. (Nicht "Die Schwester", sondern das tschechische Original, weil ich damals noch nicht wußte, wie schwer das werden würde, und ausserdem erst später Suhrkamps deutsche Version entdeckte. Ich dachte, da hätte ich mir die ganze Plackerei ja leichter machen können. Mit dem deutschen Buch daneben. Dann las ich auch die deutsche Version und pries mich glücklich, zuerst das Original gelesen zu haben, denn ansonsten hätte ich mich an den tschechischen Text im letzten Jahr noch nicht herangewagt. Da sieht man mal wieder: das größte Risiko besteht in dem Versuch, alle Risiken zu vermeiden. Und überhaupt: Die deutsche "Schwester" mußte ich nur deshalb nur einmal lesen, weil ich vorher die tschechische "Sestra" übersetzt hatte. Mir wird jetzt noch ganz schlecht, wenn ich daran denke, wieviele katastrophale Übersetzungsfehler ich beim Lesen des Suhrkamp-Buches in meiner, sagen wir einmal "brachialgewaltigen Translation" verbrochen habe! Na, sei´s drum.)

Noch ein - vielleicht, ich weiß noch nicht - letztes Zitat aus dem Buch:

"Das weiß ja jeder ... in dieser damaligen heutigen Mittelfrau Europas gibt´s nur noch Hunde, die Wölfe sind ausgerottet, in diesem Reservat konnte man sich allenfalls dem illegalen Schamanentum verschreiben und nur da und dort und manchmal für einen flüchtigen Augenblick lostanzen und die Kraft des Kriegers haben, eines Menschen, der dem Tod ins Gesicht sieht. Auf den Straßen gab es Senge, zum Abholen bereit, aber die Leute mit der Vision holten sie sich wieder und wieder, weil es für sie nichts Wirklicheres mehr gab."

Und das wollte ich für den Deutschunterricht verwenden, mit Leuten, die Sätze wie "Ich nicht weiß, falls ich habe das schon verstanden" sprechen? Geht nicht. Außerdem: viel zu viel Stoff, der Wälzer hat immerhin 651 Seiten (Tschechisch sind es nur 455, ein kleines Schlaglicht auf eine der oft vergessenen Schwierigkeiten des Übersetzens von Literatur). Aber Topol muß es sein. Irgendwas von topol muß ich im Unterricht besprechen. Na, was hälst du denn von deiner zweiten Muttersprache, mein Lieber? Also Englisch. Da gibts nämlich was. Was Kurzes. Von Topol. In Tschechisch und in Englisch in einem Buch. Und die meisten meiner Schüler können Englisch sehr viel besser als Deutsch (Warum eigentlich? Sollte den Deutschsprachigen unter Ihnen, vor allem sofern sie irgendwie politisch aktiv sind, europapolitisch vor allem, zu denken geben, nicht? Hunderte von Jahren teil des österreichischen Kaiserreichs - der Kaiser fand es sogar eine ganze Zeit lang in Prag schöner als in Wien. Und ungefährlicher auch - hin und wieder mal auch zu dem einen oder anderen deutschen Reich, sogar dem Deutschen Reich, gehörig, und die Leute sprechen viel lieber und besser Englisch. Deutlich spürbar bei Tschechen unter vierzig und dann je jünger desto englischer. Da ist Ihnen, liebe Europapolitiker, wohl etwas in die Hose gegangen, was?) Also was Englisches. "Výlet k Nádražní Hale" von Jáchým Topol (Petrov-Verlag), ins Englische übersetzt von Alex Zucker: "A Trip to the Train Station" zu gut Deutsch: Ein Ausflug zum Bahnhof.

Thema: Wieder einmal das Prag der Wendezeit nach 1989. (Wer da alles zu Geld gekommen ist! Und wie! Und was es da alles so gab, wie etwa den cleveren Geschäftemacher, der die direkt neben dem Gewürzstand liegenden Bahnhofsklos betreibt, eine nicht nur geruchlich markante Kombination, und der nebenher männliche Akteure für Peepshows vermittelt.) Also diesmal zuerst in Englisch lesen. Herrlich! Diese Sprachgewalt und Hemmungslosigkeit. Respektlosigkeit. Diese Beobachtungsgabe. Wunderbare Details. Das Wirkliche hinter dem Bühnenbild. Aber, liebe Freunde des Schulenglisch, die ihr diese meine zweite Muttersprache malträtiert wie ein wild gewordener Jockey eine alte Schindmähre, die nur deshalb nicht zusammenbricht, weil der Jockey so klein und schmächtig ist. Liebe "I am a German man and can good English"-Akrobaten, die Ihr diese Sprache abschleift, dass die Funken nur so fliegen (nicht aber die Geistesblitze): Vergeßt es! Ihr kommt nie über die erste Seite hinaus! Wer aber wirklich Sprache liebt, wem es auch mal däftig kommen kann, der MUSS das kleine Büchlein lesen. Witzig, ideenreich, boshaft und voller Leben. Ein Meisterwerk, klein nur im Umfang. Schon der Anfang ist derart grandios, dass man ihn anstatt des einen oder anderen klassischen Gedichtes in der Schule zum Auswendiglernen anbieten sollte (Wird heute eigentlich noch auswendiggelernt?). Und hier ist er, der Anfang. Als Leseprobe:

" The City was changing. Above it, as dependable as in the 10th century or any other time, the moon hung in the night´s dark gateway, sometimes full and puffy like the face of a drunk, at other times floating in the clouds, almost invisible, a glassy bauble that didn´t burn but still drove the city mongrels to madness. Here in this glow, whenever the moon climbed to its cool intensity, lovers would drink off the last of their bottle and hurl themselves at one another, lips nibbled raw out of love supreme, the killer would sneer as he twisted his knife in the wound, and here in this light, dear mommy would suddenly do something atrocious to her little papoose, and the golden force flowed down over the tracks of trams and trains and they glistened brilliantly in the flood of light ... The Lord of the Earth caught hold of the dark at its center and turned the night inside out like a freshly peeled skin."

Und was soll ich Ihnen Großartiges erzählen? Das kam prima an, im Unterricht. Ein wenig schwierig, stellenweise, das schon, aber meine Schüler haben es genossen, erstaunt zur Kenntnis genommen, dass man auch in Englisch bildhaft schreiben kann (vom Tschechischen ist das ja allgemein bekannt), und ganz nebenbei haben sie eine Menge Englisch gelernt. Na, das nenne ich einen Erfolg. Danke, Jáchym Topol! Danke, Alex Zucker! Und Danke, Michal Cihlář (der hat die Grafiken im Büchlein gemacht).

"Wann erfahren wir denn endlich was zum Film?" höre ich Sie jetzt drängeln. "Am Anfang hieß es doch - FILM- und Bucherwähnung!" Kommt noch. Aber zuerst noch ein paar Worte zu einem weiteren Topol-Buch, das diesmal die Zeit vor der Wende 1989 beschreibt. Lesen Sie den Klappentext zum Buch "Nachtarbeit" (ebenfalls bei Suhrkamp. Ich verstehe garnicht, warum die mir nicht geantwortet haben?!?!), Tschechisch "Noční práce" (Verlag: torst/hynek):

"Als die Panzer im August 1968 in Prag einrücken, werden der dreizehnjährige Ondra und sein kleiner Bruder Kamil vom Vater aufs Dorf geschickt. In der wilden, von Höhlen, Bunkern und verlassenen Weilern gezeichneten Landschaft unweit der polnischen und deutschen Grenze hat die Familie oft die Sommerferien verbracht. Hier hat Ondra sich im letzten Jahr verliebt, in Zuza, die Tochter des Gastwirts - sehnsüchtig-bang erwartet er das Wiedersehen. Doch die erste Liebe und die Abenteuerwelt der Heranwachsenden werden überschattet von rätselhaften Morden in der Gegend, aber auch von der Präsenz der Prager Geheimpolizei. Sie versucht über die Kinder an den Vater heranzukommen, dessen Erfindung, eine "Wettermaschine", für die Staatsmacht offenbar höchste Bedeutung besitzt. Versprengte russische Truppen in der Gegend lassen Erinnerungen an die Vertreibungen wach werden, an die Ermordungen von Partisanen und jüdischen Kindern. Die Vergangenheit, unter den Kommunisten offiziell aus dem Gedächtnis getilt, hat in Schuldgefühlen und Aberglauben überlebt. Als hätte sich die gefrorene Zeit wie eine Lavamasse in Bewegung gesetzt, bricht das Verdrängte in diesen Augusttagen wieder auf. In einer irritierenden Mischung aus Realismus und Phantasmagorie verwandelt Topol seinen Schauplatz immer mehr in einen apokalyptischen Raum."

Und ein Zitat: "Leg diesen Dunkelmännern das Handwerk. Endlich Schluß machen damit, aufräumen mit dem Bösen, das ist unsre Nachtarbeit. Kapiert, Genosse?"

Und - versprochen, es ist die letzte davon - noch eine kleine Leseprobe (weils so schön ist, wieder auf Deutsch und auf Tschechisch):

"Das da ist Buny, dachte Frída. Hier war mal Buny. Der Mond vergoß sein Licht. Von den Häusern standen nur noch die steinernen Sockel. Dazwischen ein paar der stärksten Balken, die die Flammen nicht zerstört hatten. Im Sommer wimmelte es auf den Balken von Insekten. Zwischen den Spänen, von Kugeln herausgezwickt, schlüpften Larven. Spuren der Kugeln trug auch das eingestürzte Gemäuer."

"Tohle sou Buny, řekl si Frída. Tady byly Buny. Svítil na ně měsíc. Ze stavení zbyly jen kamenné podezdívky. Mezi nima pár nejsilnějšich trámů, které plameny nezničily. V létě se trámy hýbaly hmyzem. Mezi třískama, co vyštípaly kulky, se líhly larvy. Stopy po kulkách byly i ve zborcených zdech."

No, tak!

Der Film! Ich hab´s versprochen, also mach ich´s auch. Ja, es gibt seit letztem Jahr (2008) auch einen Film "Sestra" (Sie erinnern sich? Das heißt "Die Schwester"). Sie werden es nicht für möglich halten, aber da sag´ich jetzt kaum etwas dazu!!! Ich lasse lieber Darina Křivánková zu Wort kommen. Sie hat nämlich in der Zeitschrift "REFLEX", Ausgabe 50 aus 2008 eine wirklich wunderbare Filmkritik zu "Sestra" geschrieben, die ich Ihnen nachfolgend mal als Deutsche übersetzt habe. Ich selbst sage nur soviel zum Film: Ich war begeistert. Ich war verblüfft und ich fand es schade, dass ausser mir nur noch 7 (in Worten: sieben) weitere Zuschauer im Kino waren. Vielleicht lag es daran, dass an diesem Tag zur gleichen Zeit im Fernsehen ein Eishockeyspiel live übertragen wurde. Symbole spielen in dem Film eine Rolle. Nicht nur buchstäbliche, körperliche, aufgemalte. Auch die Filmtechnik, die Regie, die Fotografie ist an vielen Stellen (oder überall, oder unterschwellig überall?) symbolisch. Symbole und - fast oder tatsächlich - noch wichtiger: die Nihilierung von Symbolen. Ich will nicht direkt behaupten, dass die ersten 60 Sekunden des Films die wichtigsten sind, aber zum Verständnis tragen sie schon erheblich bei. Ich habe zwei Eintrittkarten gekauft. Eine für mich und eine für Kleine Weiße Hündin. Diesen Gag, von dem ausser mir allerdings keiner etwas wußte, konnte ich mir nicht verkneifen (sie ist aber naturgemäß nicht erschienen, die Kleine Weiße Hündin, weshalb ich mir den Film alleine angesehen habe, oder?). Und nun Darina Křivánková:

 

Mehr ein Gedicht als ein Film

Vít Pancíř hat einen Film nach Motiven von Topols Buch "Die Schwester" gedreht.

Der Weiße Einband von Topols Buch "Die Schwester" leutet mir nun schon seit 14 Jahren aus dem Bücherregal entgegen. Das Buch hat seinen Platz irgendwo zwischen Tolkien und Twain und ist völlig abgegriffen. Ich habe dreimal versucht es zu lesen, am Schluß blieb das Lesezeichen bei Seite 325 stecken, nie habe "Die Schwester" zu Ende gelesen. Damit stehe ich nicht alleine da. Selbst heute erinnere ich mich noch, dass mir beim Kontakt mit Topols Buch irgendwie physisch unwohl war. Irgendetwas wie Katzenjammer, wie die Erinnerung an ein vorheriges Leben, als die Welt ihre klar umrissenen Konturen verloren hatte und sich über alle Ufer ergoß. Um den Wechsel der 80iger zu den 90iger Jahren herum lebte es sich ein wenig wie im Traum, die Menschen waren "wie von der Kette gelassen" und rannten - aber wußten nicht wohin.....

Ein ähnliches Gefühl hat mir auch der Film von Vít Pancíř vermittelt, der ein fas 500seitiges Buch in einen kaum 80minütigen Film übertragen hat. Dabei diente ihm Topols Buch mehr als Inspirationsquelle und weniger als eine auf der Leinwand sichtbare traditionelle Transkription, welche der Buchvorlage nachgerät. Und so geht Pancíř mit seinem Film genauso freidenkerisch um, wie im Buch mit den geschriebenen Worten umgegangen wird. Die filmische Schwester verhält sich tatsächlich eher wie Poesie oder Musik, ist pures Gefühl, flatterhaft, unkörperlich.

In erheblichem Maß wird dies konsequent durch die Musik und die Bildführung bewirkt. Die Tonspur ist außerdem reicher als das Visuelle: in ihr verbinden sich Text und Musik zu einer dichterischen Darstellung von Traumvisionen, wie es auch für das Buch gilt. Die Kompositionen stammen von der Gruppe Psi Vojáci aus deren Album, das nach Motiven des Buches unmittelbar nach dessen Erscheinen herauskam.

Die reiche Kollage der Filmmusik hat einen starken emotionalen Zug und rhythmisiert den Film der danach strebt, sich traditioneller Wahrnehmung zu entwinden, und verstärkt alles mögliche sein will, nur nicht ein erzählerisches Medium. In "Die Schwester" gibt es keine Dialoge und nur wenige Schauspieler. Der Regisseur hat seine Protagonisten (seinen Mitschüler von der Uni, Jakub Zicha und die Schauspielerin Verica Nedeska) so ausgesucht, dass sie seiner bildkünstlerischen Absicht optimal dienen, dass sie funktionieren wie scheinbar frei assoziierte Bilder, welche aber in Wirklichkeit das Ergebnis eines durchdachten Konzeptes sind. Das - allerdings - wird der Zuschauer nicht lösen, so nicht erfassen. Der wird zerstreute - meist subjektive - Aufnahmen von den Straßen Prags wahrnehmen, Häuser, Gaststätten, wie ein Anhäufung elementarer Bilder, welche in ihm die gewollten Gefühle erwecken - oder auch nicht.

Die Kommunikationscodes der filmischen Schwester sind rein motivisch, sie befreien sich von der zeitlichen Bindung an den Anfang der 90iger Jahre. Der Regisseur spielt mit der aktuellen Realität, und nur vermittelt durch die Requisiten der stilisierten Innensequenzen des Films werden wir uns bewußt, dass wir "irgendwo ein wenig woanders" sind. Dieser Anachronismus des Films verrät immer wieder: er möchte ein "überzeitliches", ein zeitloses Thema behandeln - die Kompliziertheit von Beziehungen, die Schmerzen menschlicher Existenz, die Sehnsucht mit jemandem zusammen zu sein und die Unfähigkeit, das zu verwirklichen.

Das aber, befreit von jeglichem zeitlichen Kontext, verliert an Kraft. Bestimmte Empfindungen durchlebte man einfach nur damals in der Sucht nach der erworbenen Freiheit am Anfang der 90iger Jahre. Wenn wir diese besonderen Umstände ausradieren, von dieser damaligen speziellen Situation abstrahieren, bleiben die Emotionen im luftleeren Raum schweben. Dann verlangt es vom Zuschauer eine große Hingabe, irgendwo im Raum nach dem Sinn, der Bedeutung des Films zu jagen.

Es geht, aber nicht jeder wird das wollen. Pancíř´s "Schwester" ist ein rein formales Abbild. Es ist kein Experiment, eher eine Rückkehr zu freien Ausdrucksformen des Mediums Film, so wie es im vergangenen Jahrhundert wahrgenommen wurde. Heute haben nur noch wenige den Mut, soetwas zu drehen. Bis heute macht das z.B. Jan Němec. Vor 40 Jahren wurde er als Genie gefeiert. Heute muß man mit so einer Art, Filme zu machen, hart um einen Platz an der Sonne kämpfen. Auch "Die Schwester" wird es nicht einfach haben - aber sie ist sicher auch ein Bild der Freiheit.

SESTRA, Tschechische Republik 2008, Regie: Vít Pancíř, Hauptdarsteller: Jakub Zich und Verica Nedeska, Verleih in Tschechien: ARTCAM, Premiere: 11.12.2008


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